Recht ist das Recht des Stärkeren

Sie wurde in Krefeld geboren, lebt seit mehr als zehn Jahren in China und träumt nachts von der Schweiz: „Bei offenem Fenster einschlafen und mit blauem Himmel wach werden.“ Dass die Sinologin und Marketingfachfrau Ulrike Nieter, Leiterin der Chinabüros der Unternehmensberatung China-Management-Network, das daheim nicht kann, ist auch eine Folge des rasanten Wandels, den das Reich der Mitte durchlebt - und der oft zu Lasten der Umwelt geht. „Raubbau an der Natur“ war eines der Stichworte, das Nieter Parallelen zur Landnahme im Wilden Westen Amerikas vor gut 200 Jahren förmlich aufzwang. Und so blieb sie am Donnerstagabend beim Fischessen des CDU-Stadtverbandes im Dorint-Hotel bei diesem Vergleich und stellte ihren Vortrag vor gut 160 Zuhörern unter die als Frage formulierte These: „China - der neue Wilde Westen?“

Ihr Vortrag, der weder Reisebericht noch wirtschaftspolitische Abhandlung sein sollte, könne nur Ausschnitte zeigen, erklärte Nieter. „Ich lebe zehn Jahre dort und kenne das Land immer noch nicht.“ Darüber hinaus griff sie die oft unterschwellig zu spürende Besorgnis oder auch Skepsis auf, die vor allem Chinas wirtschaftlicher Aufstieg hierzulande auslöst. Sie relativierte. „Wenn das so weitergeht, fürchte ich, dass wir bald auf jedem anerkennenswerten Gebiete den Chinesen unterlegen sein werden“ - zitierte sie den 1716 verstorbenen Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz. Also haben wir noch alle Zeit der Welt? Nein, sagte Nieter. Sie riet dazu, das Land, das sich in einem ungeahnten Tempo entwickelt, aktiv zu begleiten. Der Weg der Neusser, die nicht zuletzt über die Deutsch-Chinesische Gesellschaft oder Chinareisen der IHK auf Austausch und Dialog setzen, sei der richtige. Aber nicht genug. Nieter: „Wir müssen unseren Kindern die Chance geben, chinesisch zu lernen.“ Und in China müssten junge Leute stärker für Deutschland interessiert werden.

Pioniergeist, Rechtlosigkeit, unbegrenzte Möglichkeiten, Goldrausch, Umverteilung des Landes: All diese Assoziationen mit dem Wilden Westen lassen sich auch auf China anwenden. Und hier wie dort steht am Anfang ein großer Treck: In den USA des 19. Jahrhunderts die Landnahme durch die Siedler, in China Maos langer Marsch nach Norden, der den Beginn des kommunistischen China markiert. Diesem Treck folgten Experimente in Gesellschaft und Politik (Kulturrevolution) sowie Wirtschaft (Landverteilung und Hau-Ruck-Industrialisierung), die Nieter zunächst als nicht sehr erfolgreich einschätzte. Sozusagen in Verlängerung dieses Trecks aber schloss das kommunistische China mit dem erfolgreichen Start der Rakete „Langer Marsch“ und einem eigenen „Mann im All“ im vergangenen Jahr zu den beiden Weltraumnationen USA und Russland auf. Eine moderne Rechtsprechung im Stile westlicher Industrienationen aber hat das nicht geboren. „Recht ist in China immer noch das Recht des Stärkeren“, stellte sie fest. Das seien im Umgang mit Ausländern immer die Einheimischen. Die Urheberrechte westlicher Firmen zum Beispiel würden oft ignoriert. Vor allem, wenn es dem Land dient.

Den Bau- und Immobilienboom erwirtschaftet China auf Kosten der arbeitslosen Bauern, die - wie beim Goldrausch von Verdienstmöglichkeiten angelockt - in die Städte strömen. Ein unerschöpfliches Arbeitskräftereservoir, das auf 15 Millionen Menschen geschätzt wird. Diese Elenden repräsentieren die eine Seite des wirtschaftlichen Wandels, die Superreichen die andere. Und neben der Rückständigkeit auf dem Land gebe es die moderne Informationsgesellschaft in den Ballungsräumen. Menschen mit ungeheurem Mut zu Veränderungen und mit echtem Pioniergeist sieht Nieter derzeit überall am Werk. Sie genießen fast alle Freiheiten. Nieter: „In China ist alles möglich, scheint alles erlaubt - solange man nicht die Regierung kritisiert oder die Geschwindigkeit im Straßenverkehr überschreitet.“