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Cornel Hüsch im Gespräch mit NGZ-Redaktionsleiter Ludger Baten

„Politik ist überall“

07.03.2005 4 Minuten Lesezeit
Neuss-Grevenbroicher Zeitung vom 7. März 2005

    Cornel Hüsch (42) verlässt die Kommandobrücke. Zum letzten Mal wird er heute als Vorsitzender eine Versammlung der CDU leiten, die sich nach fünfeinhalb Jahren einen neuen Partei-Chef wählen wird. Favorit auf die Nachfolge ist sein bisheriger Stellvertreter Dr. Jörg Geerlings. Veilchendienstag hatte Hüsch seinen Verzicht auf eine weitere Amtszeit erklärt. Im Interview mit der NGZ zieht der scheidende Vorsitzende politische Bilanz und verrät, wie er künftig die gewonnene Zeit zu nutzen gedenkt.

    Herr Hüsch, wenige Stunden vor Ihrem Abschied von der politischen Bühne wirken Sie entspannt wie selten zuvor. Täuscht der Eindruck?

    Hüsch: Ich bin total entspannt und fühle mich wie ein Marathonläufer, der nach einer guten Leistung das Ziel vor Augen hat.

    Aber Sie verzichten doch nicht mit Freude auf den CDU-Vorsitz?

    Hüsch: Der persönliche Meinungsbildungsprozess war schon mit schweren Stunden verbunden. Mit der definitiven Entscheidung setzte die Erleichterung ein. Ich gebe ein großes und sehr schönes Amt freiwillig auf. Das fällt mir schon schwer, weil ich gern für die CDU gearbeitet habe.

    Wann setzte der Meinungsbildungsprozess ein, der letztlich zu Ihrer Verzichtserklärung führte?

    Hüsch: Es gibt keinen bestimmten Tag, es gibt keinen speziellen Anlass. Wer Verantwortung trägt, denkt immer nach, wie lange er der ihm übertragenen Aufgabe noch gerecht werden kann. Die Anforderungen in unserer Kanzlei haben sich intensiviert, nachdem mein Vater mit Jahresbeginn als Partner ausgeschieden ist. Dort ist mein ungeteiltes Engagement gefordert.

    Würden Sie auch so argumentieren, wenn Sie die Fraktion im Herbst in den Verwaltungsrat der Sparkasse gewählt hätte?

    Hüsch: Ja. Mein Verzicht auf eine weitere Amtszeit hat nichts mit realen oder vermeintlichen Niederlagen für mich zu tun. Ich bin lange genug in der Politik, um zu wissen, dass zur Verantwortung Entscheidungen gehören. Entscheidungen produzieren immer Sieger und Verlierer.

    Gibt es auch politische Gründe, die zu Ihrem Abschied geführt haben?

    Hüsch: Die Neusser CDU steht hervorragend da. Wir haben bei der Kommunalwahl gegen den Trend die absolute Mehrheit verteidigt und stellen den strahlenden Bürgermeister: Die CDU ist die Neuss-Partei. Wenn ich von der Kommandobrücke abtrete, dann übergebe ich ein gut bestelltes Schiff.

    Hatten Sie es als Partei-Chef schwerer, weil Sie nicht der Fraktion angehören?

    Hüsch: Die Politik lebt von der Gestaltung. Dieses operative Geschäft betreibt nun einmal die Fraktion. Aber Ratsarbeit ist nicht alles, es gehört auch Grundlagenarbeit zu einer lebendigen Partei. Ich habe versucht, den Schatz, der in unserem C liegt, zu bewahren und zu pflegen. Aber kein Zweifel: Jörg Geerlings wird es als Parteivorsitzender leichter haben. Er sitzt in der Fraktion.

    Beobachter glauben, mit Ihrem Rückzug bleibt nur noch Bürgermeister Napp als alleiniger starker Mann?

    Hüsch: Bürgermeister sind immer starke Männer, insbesondere, wenn sie auch noch aus der CDU kommen. Aber gegen die Partei kann keiner auf Dauer stark bleiben.

    Wird die Neusser CDU ohne einen Vorsitzenden Cornel Hüsch und einen politischen Schatzmeister Hermann-Josef Baaken künftig liberaler?

    Hüsch: Die CDU ist eine große Volkspartei mit verschiedenen Flügeln. Als Ganzes wird sich die Neusser CDU nicht ändern.

    Was wünschen Sie Ihrem designierten Nachfolger Dr. Geerlings?

    Hüsch: Dass er die gleichgroße Unterstützung durch den Parteivorstand erfährt wie ich und eine CDU-Ratsfraktion in Solidarität.

    Welche Botschaft verbinden Sie für die Bürgerschaft, wenn ab morgen ein 32-Jähriger an der Spitze der 1840 Neusser Christdemokraten steht?

    Hüsch: Die Neusser CDU ist ein Team der Generationen. In ihr wirken Frauen und Männer unabhängig von Alter, Herkunft und Beruf an der Meinungsbildung mit.

    Scheiden Sie mit der Versammlung am Montag aus der Politik aus?

    Hüsch: Ich scheide aus dem Amt. Aber Politik ist überall. Mein ehrenamtliches und gesellschaftliches Engagement im kirchlichen Bereich und beim Jugendherbergswerk werde ich fortsetzen.

    Können Sie sich ein politisches Comeback vorstellen?

    Hüsch: Ich gehe jetzt, da denke ich doch nicht schon wieder über eine Rückkehr nach. Nein, derzeit stehe ich für keine politische Aufgabe zur Verfügung. Aber als 42-Jähriger sage ich nicht vorschnell für das ganze politische Leben: Das war’s.

    Ihr schönstes Erlebnis als CDU-Chef?

    Hüsch: Die Siege. Karl Kress hat mit Rückenwind aus dem Neusser Süden vor fünf Jahren das Landtagsmandat direkt gewonnen. Den Doppelerfolg bei der Kommunalwahl habe ich sehr genossen.

    Ihre schwerste Zeit als CDU-Chef?

    Hüsch: Die Parteispendenaffäre.

    Wie möchten Sie als CDU-Vorsitzender in Erinnerung bleiben?

    Hüsch: Geschichtsschreibung ist Aufgabe der Historiker. Ich habe versucht. die CDU auf den Weg zur Mitgliederpartei weiter nach vorn zu bringen. Ich wollte für klare Positionen auf christlichem Fundament stehen, für eine starke Stadt Neuss als zuverlässiger Partner in einer leistungsfähigen Region. Und ich habe versucht, die CDU-Grundsätze Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität ehrlich vorzuleben.

    Der Montagabend ist Sitzungsabend. Was tun Sie künftig montags?

    Hüsch: Meine Familie und meinen Freundeskreis pflegen, der mir auch als CDU-Vorsitzender immer verbunden geblieben ist.