Neusser Beitrag zur Einheit

Neuß-Grevenbroicher Zeitung vom 5. Oktober 2006

Kanzleramtschef Dr. Thomas de Maizière und CDU-Vorsitzender Dr. Jörg Geerlings
Kanzleramtschef Dr. Thomas de Maizière und CDU-Vorsitzender Dr. Jörg Geerlings

Der Name de Maizière ist unverrückbar mit der Stadt Neuss verbunden. Es war Lothar de Maizière, der erste und letzte frei gewählte DDR-Ministerpräsident, der zu Verhandlungen mit dem Jüchener Bundestagsabgeordneten Willy Wimmer nach Neuss kam und ein Treffen mit Helmut Kohl durchsetzte. Der 27. Januar 1990, ein regnerischer Samstag, steht am Beginn des gemeinsamen Weges von Ost-CDU und Bundes-CDU. Ein wichtiges Kapitel auf dem Weg zur Deutschen Einheit wurde im NGZ-Pressehaus geschrieben.

Daran mögen sich nur noch wenige erinnern. Der 3. Oktober ist zwar der deutsche Nationalfeiertag. Doch 16 Jahre nach der Einheit haben ihn viele Menschen längst auf einen (arbeits-)freien Tag reduziert. Das offizielle Neuss begeht seit Jahren den Nationalfeiertag nicht mehr. In diesem Jahr erinnerte allerdings die CDU an das historische Ereignis - und wieder war ein de Maizière in Neuss. Er heißt Thomas, ist ein Cousin von Lothar und und Chef des Kanzleramts im Ministerrang.

De Maizière hatte sich sehr bewusst für einen Auftritt in Neuss entschieden. Er weiß um die spannende Weichenstellung, die seinem Cousin und Willy Wimmer in Neuss gelungen ist: „Das war eine entscheidende Phase.“ Dass de Maizière auch verwandtschaftliche Beziehungen in den Rhein-Kreis hat, ist dagegen nur eine nette Fußnote. Denn er hatte noch nicht einmal Zeit seinen Schwager, der als stolzer Grenadier im Neusser Schützenregiment mitmarschiert, zu besuchen. Neuss war am Dienstag nur Zwischenstation auf seiner eng terminierten Feiertags-Tour: morgens Bonn, nachmittags Neuss, abends Rheinbach.

Auch seine politische Vita weist Thomas de Maizière als eine Persönlichkeit aus, die für einen Vortrag am „Tag der Deutschen Einheit“ prädestiniert ist. So führte Dr. Jörg Geerlings, der Vorsitzende der Neusser CDU, den Redner ein. Am Anfang stand die Arbeit für die Regierenden Bürgermeister von Berlin, von Weizsäcker und Diepgen. Er gehörte - von seinem Vetter Lothar berufen - der letzten DDR-Regierung an und war auch an den Verhandlungen über den deutsch-deutschen Einigungsvertrag beteiligt. Es folgten die Berufungen in Regierungen der neuen Bundesländer Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern, wo er jeweils die Staatskanzleien leitete. Wenn de Maizière über die deutsche Einheit spricht, zeichnet ein intimer Kenner, besser ein Mitgestalter, der Entwicklungen in Ost und West ein sehr differenziertes Bild.

Für de Maizière ist nach wie vor die Wiedervereinigung eine „Sternstunde der Geschichte“. Er sieht, dass Deutschland „bunter, vielfältiger“ geworden sei. Vor diesem Hintergrund warnt er vor schnell formulierten Urteilen. Die Kritiker („Im Westen änderten sich nur die Postleitzahlen“) erinnert er daran, dass die Einheit für viele Menschen aus der ehemaligen DDR den Eintritt in ein völlig neues Leben bedeutete: 70 Prozent der Ostdeutschen arbeiten heute in einem neuen Beruf.

Vor knapp 100 Christdemokraten im Landestheater-Foyer fesselte de Maizière mit einer packenden Bestandsaufnahme. Er wertete wenig, er stellte Fakten in einen Zusammenhang. Damit blieb Raum für eigene Schlussfolgerungen: Nur 20 Prozent der Ostdeutschen sind religiös gebunden. „Das Lied ,Alle Jahre wieder’ war dort unbekannt“, sagt de Maizière, „aber heute wird es wieder im Kindergarten gesungen.“