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Günter Nooke über 10 Jahre Deutsche Einheit

01.10.2000 2 Minuten Lesezeit

    Der stellvertretenden Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Günter Nooke MdB wird am 5. Oktober beim Festakt der CDU Neuss die Festrede halten. Hier vorab schon einmal einige Gedanken des ehemaligen Bürgerrechtlers zum 10. Jahrestag der Einheit:

    In Ostdeutschland ist die Zeit vorbei, wo die Lage besser war, als die Stimmung. Die Schere zwischen Ost und West geht auseinander, auch wenn wir und die Regierung erst recht es nicht war haben wollen. Wer die Fakten zur Kenntnis nimmt, kann Ostdeutschland nicht sich selbst überlassen.

    Gebt uns das notwendige Geld, nicht mehr und nicht weniger. Die Anschlussfinanzierung nach 2004 ist zwingend notwendig, d. h. konkret, der Solidarpakt II muss noch in dieser Legislaturperiode kommen.

    Aber, es geht nicht nur ums Geld! Hört auf von der inneren Einheit zu reden, aber flüchtet Euch auch nicht in einen unehrlichen Föderalismus, bei dem Ihr alle Unterschiede zwischen Ost und West als ähnlich denen zwischen Nord und Süd, zwischen Rheinländern und Bayern bezeichnet. Die Neudefinition der Begriffe löst noch nicht das Problem.

    Redet nicht übereinander, sondern miteinander. Insbesondere die Ostdeutschen sollten sich mal wieder aufmachen in Richtung Westen. Es ist nicht gut für das deutsche Volk, wenn es die spanischen Inseln besser kennt als die Heimat der Landsleute. Der 3. Oktober sollte als Tag der Einheit zu einem Tag der Ost-West-Reisen gemacht werden. Parteiorganisationen, Städte und Kirchengemeinden könnten ihre Partner im ehemals anderen Teil Deutschlands besuchen. Es geht leider immer noch und wieder verstärkt um deutsch-deutsche Begegnungen und Gespräche. Den ändern in seiner vertrauten Umgebung besuchen und ein Stück des Weges in seinen Schuhen gehen.

    Nehmt die Unterschiede wahr. Es gibt die blühenden Landschaften sogar im wahrsten Sinne des Wortes, aber es gibt auch noch die alte DDR, materiell und ideell. Es gibt die westdeutsche Idylle, aber auch dort für viele den Kampf ums Überleben. Zeigt die gesamtdeutschen Erfolgsgeschichten der deutschen Einheit, aber vergesst die Verlierer und die verlassenen Landstriche nicht. Schabowski freizulassen ist richtig, aber für die Opfer keine einzige Mark und offensichtlich bald nicht einmal mehr ein anerkennendes Wort übrig zu haben, ist abgrundtief schäbig. Weitere Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit ist notwendig, aber nicht so, dass im öffentlichen Bewußtsein die politisch korrekten, guten Opfer der Nazi-Diktatur bleiben und die Opfer der SED-Diktatur vergessen werden, weil sie sich weder an die angestrebte Geschichtsschreibung noch an die heutige Gesellschaft anpassen wollen.

    Der Aufbau Ost bleibt noch mindestens zehn Jahre auf der Agenda der Politik und damit eine gesamtdeutsche Herausforderung und Anstrengung, in materieller und in geistiger Hinsicht.

    Was ist zu tun? Konkrete Erfolgsprojekte hinstellen und darüber reden. Ein öffentliches Bewußtsein und Bedingungen schaffen, dass es sich lohnt zu engagieren. Alle Selbstmobilisierungskräfte der Menschen müssen genutzt werden.

    Wir sollten gemeinsam das Deutschland des 21. Jahrhunderts bauen. Auf dem Weg dorthin, hat der Osten nur eine Chance, wenn er nicht die vollständige Angleichung an den Westen anstrebt und ständig hinterher hechelt, sondern von seinen eigenen Stärken und Schwächen ausgehend eigene Wege geht. In einigen Bereichen kann so sogar der alte Ulbricht-Slogan eine neue Bedeutung gewinnen: Überholen ohne einzuholen!