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CDU diskutierte die Frage: Was ist sozial gerecht?

11.03.2006 3 Minuten Lesezeit
Neuß-Grevenbroicher Zeitung vom 11. März 2006

    Wer soziale Gerechtigkeit fordert und verspricht, darf sich der Zustimmung der Masse sicher sein. Doch was ist das überhaupt, soziale Gerechtigkeit? Bedeutet sie Gleichheit oder gleiche Chancen oder den Ausgleich von Benachtei-ligungen zwischen den Generationen und Reich und Arm?

    „Soziale Gerechtigkeit - Leitbild oder Fiktion?“, zu dieser Frage lud am Donnerstag der CDU-Stadtverband ins Marienhaus an der Kapitelstraße. Die Christdemokraten knüpften damit an die „C-Veranstaltung“ im vergangenen Jahr an, als nach der Kritik Kardinal Meisners am C, das zum bloßen Lippenbekenntnis verkommen sei, leidenschaftlich über das christliche Moment als politische Maxime diskutiert worden war.

    Fördern und fordern

    Jetzt also folgte mit dem Schwerpunkt soziale Gerechtigkeit ein weiteres Grundsatzthema. CDU-Vorsitzender Dr. Jörg Geerlings signalisierte gegenüber der NGZ, solche Grundsatzdebatten in zwangloser Serie etablieren zu wollen. Die Gesprächspartner diesmal waren Christoph Buchbender, Vorstand der RheinLand-Versicherungen, sowie Dr. Volker Lehnert, Ausbildungsdezernent der Evangelischen Kirche Rheinland. Moderiert wurde die Runde von Dr. Michael Reitemeyer, studierter Theologe und beruflich als Referatsleiter im Umweltministerium tätig.

    Wie steht es nun um den Aspekt der sozialen Gerechtigkeit - beispielsweise in einem mittelständischen Unternehmen wie der Rhein-Land? In seinem Statement stellte Buchbender gleich zu Beginn klar: „Das Streben nach sozialer Gerechtigkeit gehört an die oberste Stelle unseres Leitbildes.“ Sie sei ein Erfolgsfaktor und damit mehr als nur eine nette Geste. „Sie ist ein Element der Unternehmenssteuerung.“ Der Knackpunkt: Als Unternehmen sozial gerecht handeln zu wollen, eröffnet ein Konfliktfeld - und zwar im Bereich des Strebens nach Gewinn. Buchbender: „Das ist nichts Anrüchiges.“ Beides gelte es unter einen Hut zu bringen, anrüchig werde es dann, wenn auf der einen Seite die Jahresbilanz (Milliarden-)Sprünge nach oben mache, auf der anderen Seite in großem Stile Personal abgebaut werde. Soziale Gerechtigkeit müsse im Dialog mit den Mitarbeitern versucht werden.

    Was ist zumutbar? Für sein Unternehmen definierte Buchbender die Maxime: Fördern und fordern. Als Mittelständler sozial zu sein, bedeutet demnach: „Unsere Mitarbeiter so weit zu bringen, dass sie besser als der Durchschnitt arbeiten.“ Und zwar deshalb, um im nationalen wie globalen Wettbewerb der Großen als Kleiner bestehen zu können. „Der Mitarbeiter muss sich messen lassen.“ Und flexibel sein. In diesem Zusammenhang bekannte Buchbender, er sei überrascht über die geringe Veränderungsbereitschaft vieler. „Das ist ein erhebliches Problem!“ Einen Seitenhieb auf die Gewerkschaften und das scheinbare Dogma des Flächentarifvertrags. Gute Erfahrungen habe er gemacht mit erfolgsabhängigen Zusatzvergütungen, wie sie ein Viertel bis ein Drittel der Belegschaft erhalten. Dieses System auf alle auszuweiten, mache indes keinen Sinn.

    Dr. Volkert Lehnert brachte das biblische Verständnis von Gerechtigkeit in die Diskussion ein. Gerechtigkeit sei hier nicht im strafrechtlichen Sinne („iustitia“) zu verstehen: Nicht allen das Gleiche, sondern jedem das Seine. „Der eine braucht mehr, der andere braucht weniger.“

    Sein eigenes Brot verdienen

    Soziale Gerechtigkeit zu realisieren verlange, dass jeder nach seinem Vermögen mitwirke: „Ich bringe ein, wozu ich in der Lage bin.“ Das Sozialsystem - wie über Jahre in Deutschland geschehen - wie eine Milchkuh zu melken, ohne diese Kuh ausreichend füttern zu wollen, sei falsch (und damit unchristlich). Lehnert führte ein Wort des Apostels Paulus an, der eine der frühen christlichen Gemeinden ermahnte: „Sollte einer unter Euch sein, der nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen.“ Paulus betonte, jeder müsse „mit stiller Arbeit“ sein eigenes Brot verdienen (2. Thess. 3).

    Unterm Strich geht es beim Stichwort soziale Gerechtigkeit also vor allem um ein Ethos, nach dem der Einzelne (Chef wie Untergebener) sich wirklich als Teil des Ganzen begreift. Doch wie stehen hierzu die Chancen? „Dazu ist ein mentaler Umschwung nötig“, so Lehnert, „aber der wird nicht kommen.“ Der Mensch sei nun einmal „heillos selbstbezogen“, ein Sünder eben.