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Angela Merkel in Neuss

Am Ende umlagert wie ein Popstar

19.09.2002 3 Minuten Lesezeit
Neuß-Grevenbroicher Zeitung vom 19. September 2002

Am Ende umlagert wie ein Popstar (Foto: NGZ / A. Woitschützke)

Foto: NGZ / A. Woitschützke

Horst Bilik war aus Grevenbroich gekommen und hatte sich auf dem Markt einen Platz in der ersten Reihe erkämpft. Doch Bilik hört kaum zu, als Angela Merkel bei der letzten Wahlkampfveranstaltung in Neuss die Politik der rot-grünen Regierungskoalition zerpflückte. Er nahm kaum wahr, wie die Bundesvorsitzende der CDU das Programm ihrer Partei für mehr Beschäftigung erläuterte, sah selten auf, als sie selbstkritisch die Gründe für das Scheitern der Union bei den Bundestagswahlen 1998 analysierte und detailliert darlegte, welche Lehren die Partei vor allem in der Familienpolitik aus dieser Schlappe gezogen hat.

Horst Bilik malte. Schuf ein Porträt der "profiliertesten Politikerin in Deutschland", als welche der Bundestagsabgeordnete und CDU-Kreisvorsitzende Hermann Gröhe sie angekündigt hatte und wurde mit einem Autogramm der Politikerin auf seiner Kohlezeichnung belohnt, als diese zum Abschluss der Kundgebung ein Bad in der Menge nahm. Menschen genug dazu waren gekommen. Mehr als 2000 zählte die Polizei. Wahlen werden in den Hochburgen gewonnen. Dieses geflügelte Wort erklärte nicht nur das Tagespensum von Angela Merkel, die morgens im Wahlkreis von Wolfgang Schäuble gefochten hatte und nach ihrer Neuss-Visite noch nach Aachen musste.

Es erklärt auch das Engagement der Parteigliederungen in diesen letzten Tagen vor dem Urnengang. CDU, Frauen-Union, Senioren-Union, Junge Union, CDU-Mittelstandsvereinigung: Unterhalb des Zeughauses hatten sich so viele Gliederungen der Partei mit Info-Ständen breit gemacht, dass schon ihre Vielzahl den Wortsinn von "Union", von Bündnis, überdeutlich machte. Gehörte der Platz vor der Bühne der Basis, so wärmten sich auf der Bühne CDU-Mandatsträger aus Stadt, Kreis und Land - allen voran die beiden Bundestagsabgeordneten Hermann Gröhe und Willy Wimmer - an der Popularität der Bundesvorsitzenden, die der Ex-Kanzler Helmut Kohl vor langer, langer Zeit als "mein Mädchen" klein gemacht hatte.

Heute könnte sich der "Riese aus Oggersheim" hinter Merkel umziehen, so ein breites Kreuz machte sie am Mittwoch für die Sache der Union und für deren Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber. "Wenn wir überall 5,9 Prozent Arbeitslosigkeit haben würden wie in Bayern, dann hätten wir nicht vier sondern 2,5 Millionen Arbeitslose und wären einen deutlichen Schritt weiter", definierte sie einen Erfolg des bayerischen Ministerpräsidenten. Das kam an. Genauso wie die Ironie, mit der sich Angela Merkel der Politik der Bundesregierung und vor allem der des Bundeskanzlers näherte. "Schröder soll eine anständige Politik für weniger Bürokratie und weniger Steuern machen, dann ist allen geholfen. Nur dazu wird er nicht mehr kommen", war eine dieser Spitzen.

Sie selbst stemmte sich gegen die Lethargie derer, die in Zeiten der Globalisierung keinen Spielraum mehr für Politik in nationalem Rahmen sehen. Wer ein Beispiel dafür brauche, was Politik bewegen kann, solle sich den Ländervergleich der Pisa-Studie vornehmen: Bayern topp, Brandenburg und Bremen flopp. Danach stand das Wahlprogramm der Union auf der Tagesordnung. Ein Programm, so Merkel, in dem die Themen Wirtschaft und Arbeit Schwerpunkte markieren und in dem der Begriff Leistung ein Schlüsselbegriff ist. "Wer arbeitet soll mehr in der Tasche haben als der, der nicht arbeitet", zitierte sie Ludwig Erhard, Wirtschaftsminister im Kabinett Adenauer und Vater der sozialen Marktwirtschaft.

Der "Autogrammstunde" im Zeughaus, wo sich Angela Merkel vor ihrer Rede ins Goldene Buch der Stadt eintrug, folgte nach der Rede eine Autogrammstunde auf dem Markt, wo Merkel umlagert wurde wie ein Popstar. Danach zog sie los. Nicht gleich nach Aachen, sondern erst auf den Markt, wo sie eine Thüringer Wurst verdrückte und Zeit zum Besuch bei der Neusser Eine-Welt-Initiative fand. Dort tat sie, wozu Wochen zuvor Bundeskanzler Schröder wenig Lust verspürt hatte: Kaffee mahlen.

Christoph Kleinau

Stimmen:

Manfred Holz, Sprecher der Neusser Eine-Welt-Initiative (NEWI): "Ich habe nun Bundeskanzler Schröder, Claudia Roth von den Grünen und Angela Merkel in Neuss erlebt. Mir hat Angela Merkel mit ihrer Rede am besten gefallen. Dass die CDU-Bundesvorsitzende zudem an unserem Stand den fair gehandelten Kaffee probiert und gelobt hat, war für uns besonders schön."

Cornel Hüsch, Vorsitzender der Neusser CDU: "Wir wollten eine politische Kundgebung und wir haben auch eine inhaltlich überzeugende Wahlkampf-Veranstaltung erlebt. Angela Merkel hat in Neuss die Ohren und die Herzen der Menschen erreicht.

Hermann Gröhe, CDU-Bundestagsabgeordneter: "Im Wahlkampf-Endspurt hat Angela Merkel ein Signal gesetzt. Der Funke ist übergesprungen. Beim Gang über den Markt haben wir viel Zuspruch für den Wahlgang am Sonntag erfahren. Unsere Anhänger wurden durch die Bundesvorsitzende noch einmal richtig motiviert."

Thomas Nickel, Bürgermeister-Stellvertreter in Neuss: "Dieser Wahlkampf hat viele prominente Politiker nach Neuss geführt, und Neuss war erneut eine gastfreundliche Stadt. Angela Merkel versteht es, die Zuhörer in ihren Bann zu ziehen."